Römisches in Gaillan

 

Gaillan gehört für viele Médoc-Besucher nicht zu den Orten mit besonderer Attraktivität, weil es ihm vermeintlich an Sehenswertem mangelt. Das sagt aber mehr aus über die so Urteilenden als über den Ort, denn Gaillan hat zwei ganz und gar nicht gewöhnliche Dinge zu bieten, die zu finden allerdings etwas Spürsinn und Vorwissen voraussetzt. Die am leichtesten in Gaillan aufzufindende Sehenswürdigkeit steht neben der Kirche im heutigen Ortskern und ist ein Glockenturm, nicht irgendeiner, sondern der einzige in reiner auvergnatischer Romanik auf die heutige Zeit gekommene im Médoc. Die zweite Sehenswürdigkeit ist zwar viel größer, was die Fläche angeht, aber ungleich schwieriger wahrzunehmen, da sie heutzutage nahezu unsichtbar unter der Erdoberfläche ruht und nur für Spezialisten mit besonderer Technik wahrnehmbar ist. Diese geheimnisvolle Hinterlassenschaft der Geschichte findet man in Terrefort bei dem Château, das mit seinem Namen auf diese Flurbezeichnung Bezug nimmt.

Dort kamen im Jahr 1968, als eine ehemalige Weidefläche mit Weinstöcken bepflanzt werden sollte und deswegen tief umgepflügt wurde, eine Fülle von Dingen zutage, die an dieser Stelle nicht vermutet wurden. Gefunden wurden Fragmente von Dachziegeln, runden Ziegeln, Webgewichte, Reste von Geschirr und Keramik verschiedenster Art. Auch ohne weiterführende Grabungen ergab sich aus den Funden die Gewissheit, dass in Terrefort einst ein größerer Gebäudekomplex gestanden hatte, der in die Römerzeit, also die ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt zu datieren war. 1969 wurden Sondierungsgrabungen unter Führung der Société Archéologique et Historique du Médoc (S.A.H.M.) durchgeführt, die diesen Befund erhärteten. 1981 wurden im Zusammenhang mit einer Vergrößerung des Weinfeldes weitere Sondierungsgrabungen durchgeführt. Weitere Grabungen kleineren Umfangs in den folgenden Jahren vervollständigten die archäologische Ausbeute. Dabei konnten zahlreiche Gebäudebestandteile nachgewiesen werden wie Mauerreste, Putz und Wandmalereien, Dachziegel mit Herkunftstempeln und ähnliches. Vervollständigt werden konnten auch die Bestände an gefundenen Ton- und Keramikwaren, die im wesentlichen in die Zeit zwischen 70 n. Chr. und das Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. eingeordnet werden konnten. Zutage kamen ebenso zahlreiche metallische Gegenstände wie Fibeln, Broschen, Nadeln, Schlüssel, Bohrer, etc. Aufschlussreich waren auch Überbleibsel von Küchenabfällen, aus denen sich Aufschlüsse über die Ernährungsgewohnheiten der Menschen gewinnen ließen, die einst in Terrefort gelebt haben. Ans Tageslicht kamen in verschiedenen Jahren auch mehr als 100 Münzen, deren älteste aus der Zeit um 30 v. Chr. stammen.

Aus der Zusammenschau aller Funde lässt sich feststellen, dass in Terrefort einst ein großer Gebäudekomplex gestanden hat, der einerseits Zugang zur Levade, der Straßenverbindung von Burdigala (Bordeaux) zur Pointe de Grave, hatte und ebenso über einen Zugang zur Gironde verfügte. Der Gebäudekomplex war auf die Landwirtschaft ausgerichtet und florierte in der Zeit zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert n. Chr. Es gibt gesicherte Anzeichen dafür, dass an der Stelle der einst bedeutenden gallo-römischen Baulichkeit Nachfolger bescheideneren Ausmaßes bis in das Mittelalter existiert haben, bevor etwa im 12. Jahrhundert eine Verlagerung der Behausungen in Richtung auf den heutigen Ortskern von Gaillan erfolgte.

Auf die römische Zeit verweist auch der Ortsname Gaillan, in dem sich ein lateinischer oder zumindest latinisierter Name, Gallianus, verbirgt.

Vgl. Michel Seutin: Le site gallo-romain de Terrefort, in : Les cahiers Médulliens No. 54, Dezember 2010, pp. 43 – 66